Wie werde ich Arzt/Ärztin? – Aufbau und Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland

Dies ist ein Vortrag, den ich im Rahmen der Berufsorientierung vor Schülern eines Gymnasiums gehalten habe zum Thema „Berufsbild Arzt“. Er beschäftigt sich mit Aufbau und Inhalt des Medizinstudiums.

Studienorte

Derzeit kann Humanmedizin an 35 staatlichen Hochschulen in Deutschland sowie an einer privaten deutschen Hochschule studiert werden.

Studienzulassung

Es stehen weniger Studienplätze zur Verfügung, als es Bewerber für das Medizinstudium gibt. Daher ist der Studiengang Humanmedizin zulassungsbeschränkt.

Bis auf die private Universität Witten/Herdecke erfolgt die Bewerbung auf einen Studienplatz über die Stiftung für Hochschulzulassung.

Die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH, ehemals ZVS) vergibt 96% der verfügbaren Studienplätze nach folgendem Schlüssel (Stand SS 2011):

  • 20% nach Abiturnote. Bei einem in Rheinland-Pfalz erworbenen Abitur beträgt die Notengrenze, um eine Zulassung zu erhalten, bei 1,0 (1). Bei einem Schnitt unter 1,0, also 0,9, erfolgt die Zulassung sofort, bei genau 1,0 entsteht 1 Semester Wartezeit.
  • 20% nach Wartezeit. Einen Studienplatz erhält, wer 13 Semester „gewartet“ hat. Dies ist die Zeit nach dem Erwerb des Abiturs und der 1. Bewerbung. In dieser Wartezeit darf kein anderes Studium betrieben werden, wohl kann aber einer Arbeit nachgegangen oder eine Ausbildung betrieben werden.
  • 60% nach Auswahl durch die Hochschule. Einige Hochschulen wählen ebenfalls nach Abiturnote aus, andere führen weitere Kriterien an, wie beispielsweise Auswahlgespräche, Berufserfahrung, Schulnoten in bestimmten Fächern, etc.

Bei Universitäten, die nach Abiturnote auswählen, liegt der Zulassungsschnitt z.B. in Köln bei 1,4, andere Hochschulen sind vergleichbar.

In einigen wenigen Bundesländern besteht die Möglichkeit, einen Einstufungstest zu schreiben, dessen Ergebnis mit in das Auswahlverfahren der Hochschulen eingeht.

Detaillierte Informationen sind bei den Hochschulen oder der SfH verfügbar.

Darüber hinaus werden von allen Studienplätzen je

  • 2% an angehende Sanitätsoffiziere der Bundeswehr und
  • 2% an Studenten aus Ländern, die die Bundesrepublik in Entwicklungshilfeprogrammen unterstützt, vergeben.

Quellen: http://www.hochschulstart.de/index.php?id=2983,
http://www.hochschulstart.de/index.php?id=2995 [18.05.2011]

Gliederung des Studiums

  • Vorklinik
    • 4 Semester Regelstudienzeit
    • 3 Monate Krankenpflegepraktikum in den Semesterferien oder vor Studienbeginn
  • 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung („Physikum“)
  • Klinik
    • 6 Semester Regelstudienzeit
    • 4 Monate Famulatur in den Semesterferien
  • Praktisches Jahr
    • je 4 Monate Innere Medizin und Chirugie im Krankenhaus plus ein Wahlfach im Krankenhaus oder Allgemeinmedizin
  • 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung
    • mit Bestehen ist die Approbation zum Arzt möglich

Gesamtdauer: 12 Semester + 3 Monate

Fächer im vorklinischen Studienabschnitt

Die Reihenfolge variiert von Hochschule zu Hochschule.

  • Terminologie (Kurs)
  • Berufsfelderkundung (Kurs + Praktikum)
  • Biologie (Vorlesung)
  • Chemie (Vorlesung und Kurs)
  • Physik (Vorlesung und Kurs)
  • Psychologie (Vorlesung und Kurs)
  • Anatomie (Vorlesung und Kurse)
  • Physiologie (Vorlesung und Kurs)
  • Biochemie (Vorlesung und Kurs)
  • Wahlfach (Kurs)

Die Fächer werden je nach Hochschule mit einer schriftlichen und/oder mündlichen Prüfung, die jeweils aus mehreren Teilen bestehen können, abgeschlossen. Es gibt zwischen 2 und 4 Wiederholungsversuchen, bei 3-5maligem Nichtbestehen erfolgt die Exmatrikulation.

1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung

Nach Bestehen aller Prüfungen und dem Nachweis des Krankenpflegepraktikums folgt das „Physikum“.

  • 320 Multiple-Choice-Fragen
  • 1 Tag mündliche Prüfung

Bei Nichtbestehen gibt es 2 Wiederholungsmöglichkeiten.

Nach Bestehen dieser Prüfung kann der klinische Studienabschnitt begonnen werden.

Beispielhaft habe ich in meinem Vortrag einige Fragen aus dem Examen Frühjahr 2008 gezeigt. Aus Urheberrechtsgründen darf ich diese hier nicht veröffentlichen,
verweise auf auf die Fragen von Tag 1 und Tag 2 auf der Website des Themieverlags.

  • Physik, Frage 4, 1. Tag, A
  • Chemie, Frage 22, 1. Tag, A
  • Anatomie, Frage 93, 2. Tag, A
  • Biochemie, Frage 69, 1. Tag, A
  • Physiologie, Frage 97, 1. Tag, A
  • Psychologie, Frage 146, 2. Tag, A

Klinischer Studienabschnitt

Vorlesungen und teils Kurse in:

  • Allgemeinmedizin
  • Anästhesiologie
  • Arbeitsmedizin und Sozialmedizin
  • Augenheilkunde
  • Chirurgie und Unfallchirugie
  • Dermatologie
  • Frauenheilkunde und Geburtshilfe
  • Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
  • Humangenetik
  • Hygiene, Mikrobiologie und Virologie
  • Innere Medizin
  • Kinderheilkunde
  • Klinische Chemie und Laboratoriumsdiagnostik
  • Neurologie
  • Orthopädie
  • Pathologie
  • Pharmakologie und Toxikologie
  • Psychiatrie und Psychotherapie
  • Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
  • Rechtsmedizin
  • Urologie
  • sowie ein Wahlfach.

Querschnittsvorlesungen und Seminare in:

  • Epidemiologie, medizinische Biometrie und medizinische Informatik
  • Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
  • Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystem und Öffentliche Gesundheitspflege
  • Infektiologie und Immunologie
  • Klinisch-pathologische Konferenz
  • Klinische Umweltmedizin
  • Medizin des Alterns und des alten Menschen
  • Notfallmedizin
  • Klinische Pharmakologie und Pharmakotherapie
  • Prävention und Gesundheitsförderung
  • Bildgebende Verfahren, Strahlenbehandlung und Strahlenschutz
  • Rehabilitation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren.

Quelle: http://www.approbationsordnung.de/AO/ao-neu.pdf [18.05.2011]

Famulaturen

Je 4 Monate „Praktikum“, davon 2 in einem Krankenhaus, 1 Monate in einer Ambulanz oder Arztpraxis und 1 Monate in einem der beiden.

Erste längerfristige Patientenkontakte, die über die Praktika während des Studiums herausgehen, und erlernen praktischer Fähigkeiten (körperliche Untersuchung, Blutentnahme, …)

Praktisches Jahr

Nach Bestehen aller Klausuren und Prüfungen in den Fächern des klinischen Studienabschnitts folgen 12 Monate à 3 Tertiale im Uniklinikum oder einem angeschlossenen Lehrkrankenhaus bzw. einer Lehrpraxis.

  • 1 Tertial Innere Medizin
  • 1 Tertial Chirugie
  • 1 Tertial Allgemeinmedizin oder ein vom Krankenhaus angebotenes Wahlfach

Hier soll das im Studium erlernte Wissen angewendet werden in der regulären Patientenversorgung. Nach den 3 Tertialen soll Examensreife erreicht werden, so dass eine selbstständige Arbeit als Assistenzarzt danach möglich ist.

2. Teil der Ärztlichen Prüfung

Außer 320 Multiple-Choice-Fragen finden 2 Tage lang mündliche Prüfung statt, eine davon mit Zuteilung eines Patienten, dessen Behandlungsablauf umfassend zu planen ist, die andere beschäftigt sich mit Fragen aus der Inneren Medizin, Chirugie, dem gewählten Wahlfach plus 1-2 zufälligen anderen Fächern.

Mit Bestehen der Prüfung kann

  • eine Dissertation eingereicht werden, die teils schon während des Studiums erarbeitet wurde. Nur dann wir der Titel Dr. med. verliehen
  • der Antrag auf eine Approbation zum Arzt gestellt werden. Hierzu sind ein Gesundheits- und ein (möglichst einwandfreies) Führungszeugnis notwendig.

Danach kann man als Assistenzarzt eingestellt werden und durchläuft in der Regel eine 2-7jährige Weiterbildung zum Facharzt seiner Wahl.

Fragen?
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Quelle: http://www.approbationsordnung.de/AO/ao-neu.pdf [18.05.2011]

Update 06/2013: Zwischenzeitlich wurde die Approbationsordnung geändert (es findet jetzt vor dem Praktischen Jahr bereits der schriftliche Teil der 2. Abschnitts der Ärztlichen Prüfung statt), und die Vergabe der Studienplätze hat sich, wie jedes Semester, ein wenig geändert. Neu ist auch die European Medical School an der Universität Oldenburg über die Universität Groningen.

56 Gedanken zu „Wie werde ich Arzt/Ärztin? – Aufbau und Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland“

  1. Hallo
    Könntest du mir vielleicht sagen was ich nach der Abitür machen kann, um eine Chirurgin zu werden?
    Danke im Voraus

  2. Lies diesen Artikel. Entscheide, was für eine Art von Chirurgin Du werden willst (Praktikum wird dringend von mir empfohlen).
    Sagen wir, Du willst Bauchchirurgin werden. Studiere Medizin, approbiere Dich als Ärztin, bewirb Dich auf eine Weiterbildungsstelle in der Visceralchirurgie, lege dann nach Weiterbildungsende Deine Facharztprüfung zur Fachärztin für Chirugie ab.

  3. Hallo,
    schauen die Unis auch ob wo man sein Abi gemacht hat? Also zum Beispiel ob ich mein Abi auf einem Osz oder einem Gymnasium gemacht habe?
    Oder ist das völlig egal hauptsache der Durchschnitt stimmt?

  4. Ich habd eine Frage und zwar will ich mal psychotherapeutin werden und meine Schwester meint man muss aber trotzdem medizin studieren
    Stimmt das?
    Und wie läuft das so ab?

  5. Das ist nicht ganz richtig. Man kann Psychotherapie als Psychiater oder Fachärztin für Psychosomatische Medizin machen. Ein anderer Weg wäre Psychologie zu studieren, dann eine Therapieausbildung zu machen und psychologische Psychotherapeutin zu werden.

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