Die Anatomie und der Präparierkurs – ist eine Leiche eklig?

Eine Leserin dieses Blogs fragt unter dem Post „Medizinstudium in Deutschland“, ob es wahr sei, dass während des Anatomiekurses auch Unterricht an einer Leiche stattfinde, und ob dies nicht „ein bisschen ekelhaft“ sei?

Es ist richtig, dass – je nach Hochschule zwischen dem 1. und dem 3. Semester – der praktische Anatomiekurs an der Leiche eines Körperspenders statt findet. Dieser Kurs ist aber höchst wichtig. Medizin ist viel „learning by doing“, das heißt, eines Tages, im Laufe der Ausbildung, steht man am OP-Tisch, und der Chirurg, der die Sache einem zutraut, fordert einen auf, jetzt selbst eine Naht oder einen Schnitt zu machen. Natürlich passt er darauf auf, was ein Medizinstudent tut, aber es wird auch von Letzterem erwartet, dass er einfach weiß, in welcher Struktur im Bauchraum wo welches Blutgefäß verläuft. Egal, wie gut man die Anatomie theoretisch gelernt hat, es ist in diesem Fall ein Segen, wenn man seine theoretischen Kenntnisse einmal an einem Körperspender überprüfen konnte. Ähnliches scheint mir für die erste Leichenschau zu gelten.

Die Entscheidung, seine Leiche der wissenschaftlichen Ausbildung zur Verfügung zu stellen, wurde vom Körperspender freiwillig getroffen. Man muss allerdings wissen, dass in der Regel die Universitäten die Kosten der Beisetzung der Körperspender nach Ende des Anatomiekurses übernehmen, weshalb man manchmal auch die wirtschaftlichen Beweggründe, die dahinter stehen können, bedenken muss. Andererseits begleitet man „seine“ Leiche durch den vorklinischen Studienabschnitt, und nimmt auch an der Trauerfeier zu ihrer Beisetzung teil.

Es ist aber auch so, dass das, was man selbst oder Dritte als „ekelig“ bezeichnen würden, sich im Verlauf des Medizinstudiums ändert, ändern muss. Ich würde die Medizin auch als die Wissenschaft von der Liebe zum Leben bezeichnen. Es geht beim Umgang mit Patienten viel um eine ethische und respektvolle Haltung. Schnell bringt man Patienten schon vielleicht durch eine körperliche Untersuchung in eine Situation, die den einen oder anderen „ekligen“ Vorgang beinhalten kann. Für einen Patienten oder eine Patientin mag dies schwer genug sein, also sollte man diese möglichst keinen eigenen Ekel spüren lassen. Natürlich ist eine solche wünschenswerte Haltung mitunter schwierig aufrecht zu erhalten, wenn man nachts für einen intoxikierten Patienten, dessen Körper sich gegen die Gifte wehrt, aufstehen muss – aber es gehört zur Medizin dazu.

Meiner Ansicht nach sollte man sich nicht die Frage nach einem Ekel stellen – man gewöhnt sich schnell an einst „ekelhafte“ Dinge, auch an den Präparierkurs. Viel mehr scheint es mir wichtig, folgende Fragen vor oder kurz nach Beginn des Studiums zu klären:

  • Fühle ich mich psychisch belastbar?
    Der Umgang mit schwer kranken Menschen, die Zuwendung zu Sterbenden, erfolglose Therapien und Stress können einem schnell zusetzen. Nicht umsonst herrscht unter Medizinern eine hohe Quote an Substanzabhängigkeiten, und auch die Suizidrate liegt mitunter deutlich höher als die unter anderen Akademikern. Nicht, dass man den Beruf nicht als äußerst zufriedenstellend erleben kann, aber man muss auch mit den psychischen Belastungen copen können, und darf nicht an ihnen zu Grunde gehen.
  • Wie kann ich mich möglichst achtsam und ethisch gegenüber Patienten verhalten?
    Ich halte es für unbedingt wichtig, sich Patienten gegenüber echt, mitfühlend (was nicht gleichbedeutend mit Mitleid zu sein hat) und korrekt zu verhalten. Dazu zählt, sich Zeit zu nehmen, sich ggf. einmal zu entschuldigen, Patienten nicht zu belügen, aber auch Geldgeschenke zurückzuweisen. Ich empfinde es bereits schon als problematisch, Geld „nur für die Kaffeekasse“  entgegen zunehmen – eine Auffassung, die viele leider nicht mit mir teilen. Natürlich ist niemand fehlerfrei, aber man sollte immer versuchen, an dieser Einstellung zu arbeiten.
  • Was bedeuten Sterben und Tod für mich?
    Man wird in jungen Jahren mit Themen konfrontiert, die oft erst im Rentenalter aktuell werden, und mit denen viele Menschen auch dann nur schwer umgehen können. Während manch 70- oder 80-Jähriger das Thema noch gut verdrängen kann, ein Mediziner kann das nicht – und der manchmal leider verbreitete Zynismus scheint mir keine gute Haltung zu sein.  Schnell wird einem die Endlichkeit des eigenen Lebens bewusst, wenn man Verunfallte oder Kranke sieht, die teils noch deutlich jünger sind als man selbst. Auch, wenn ein eigenes, gefestigtes Weltbild sehr bei der Bewältigung hilft, muss man trotzdem offen dafür bleiben, Menschen gleich welchen Glaubens oder Nicht-Glaubens würdig begleiten zu können.

Vom Präparierkurs sollte man sich aber sicherlich nicht vom Studium abschrecken lassen.

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