Bin ich geeignet zum Medizinstudium / Arztberuf?

Mich erreicht die Nachricht eines Lesers dieses Blogs per E-Mail:

(…) mit Interesse habe ich ihren Blog gelesen und einige Nachfragen haben sich angesammelt, die ich nicht unbedingt in die Kommentare schreiben wollte. Ich hoffe, Ihnen so zu schreiben ist okay.

Kurz zu meiner Person: Ich heiße JS (Hinweis des Autors: gekürzt), bin 19 Jahre und habe dieses Frühjahr mein Abi mit 1,2 bestanden.

Dadurch wurde auch mein Interesse an einem Medizin Studium geweckt. Ich hatte in der Oberstufe einen Biologie Leistungskurs und hab die schriftliche Abiturprüfung mit 14 Punkten abgeschlossen.

Noch bin ich allerdings unschlüssig, weil ich in meiner Oberstufenzeit kein Chemie hatte noch die Grundlagen aus der Mittelstufe beherrsche – wie hinderlichen ist das beim Studium? Auch Physik hab ich nur bis einschließlich der Q3 gemacht, immer 10-11 Punkte gehabt, aber nie wirklich viel mitgenommen.

Zu den Studiumsinhalten: Verständlich ist, dass man sich enorm rein knien und viel auswendig lernen muss. Das geht ja bekanntlich am Besten, wenn einen die Themen vollkommen interessieren. Am meisten würde mich vor Studienbeginn der Beruf des Allgemeinmediziners interessieren, ob ich mich da durch einen Augenaufbau oder vergleichbares durchwühlen kann, weiß ich selbst nicht.

Oftmals wurde mir auch attestiert, eher der sozial-/geisteswissenschaftliche Typ zu sein.

Mit diesen ganzen Informationen: Halten Sie es da für sinnvoll, ein Medizinstudium zu beginnen?

Mein Leser möchte also wissen, ob ich ihm zur Aufnahme eines Medizinstudiums raten würde. Interessanterweise unterscheidet ihn diese Fragestellung durchaus von vielen anderen Lesern meines Blogs, die zwar genau wissen, dass sie Arzt oder Ärztin werden möchten, denen es aber an den notwendigen Noten für eine Zulassung mangelt. Mit 1,2 stehen die Chancen für JS in der Tat nicht schlecht, derzeit einen Studienplatz erhalten zu können.

Ich kann natürlich für JS keine Entscheidung treffen, aber für mich gliedert sich die Fragestellung in folgende Teilaskepte:

  1. Möchte ich später als Arzt/Ärztin arbeiten?
    Mein Leser spielt mit dem zukünftigen Beruf des Hausarztes. Der Weg dorthin ist ein langer, es gilt, gute 6 Jahre Studium und 5 Jahre Facharztausbildung zu absolvieren. Wenn man sich also 11 Jahre auf ein Ziel konzentrieren will, empfiehlt es sich sicherlich, zunächst einige Wochen Praktikum bei verschiedenen Hausärzten zu machen, um herauszufinden, ob dieser Beruf etwas für einen ist. Das sollte mir freundlicher Nachfrage und Unterzeichnung einer Schweigepflichtserklärung in vielen Hausarztpraxen möglichen sein. Tipp: Das Medizinstudium setzt ein Pflegepraktikum spätestens zum Ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (nach 4 Semestern Studium) voraus. Dieses Praktikum kann man auch vor dem Studium in der Findungsphase, in der sich JS gerade befindet, absolvieren.
  2. Habe ich die Ausdauer, sechs Jahre am Stück intensiv zu lernen?
    Während die Facharztausbildung in meinen Augen kaum als „Lernphase“ zu sehen ist, obwohl natürlich der Wissenszuwachs immens und ein Selbststudium immer wieder notwendig wird, so hat gerade das Medizinstudium schon einen sehr akademischen Charakter. Es fordert viel Ausdauer und Fleiß. Ich vermute aber, dass dies bei einer Abiturnote von 1,2 gegeben sein dürfte.
  3. Was möchte ich auf keinen Fall machen?
    Mein Leser schreibt, dass ihn bestimmte Fächer mehr oder wenige interessieren mit entsprechenden Resultaten in den Noten. Fakt ist: Für ein erfolgreiches Staatsexamen und Studium muss man von jedem Fach im Studium mindestens 60% der Fragen (zumindest im Schnitt) beantworten können. Im Staatsexamen können partielle Stärken andere Schwächen „ausbügeln“, aber es wird eine Statistik-, Chemie-, Pathologie- oder andere Prüfung zu bestehen sein. Das bedeutet, dass es Fächer gibt, die einem leicht fallen zu lernen, während man sich für andere Prüfungen über Wochen mit einem Thema erfolgreich beschäftigen muss, das man weniger liebt. Während im Bachelor/Master-System nur Punkte erworben werden müssen, so dass man theoretisch bestimmte besonders ungeliebte Abschnitte umgehen kann, wird dies im Medizinstudium nicht möglich sein. Alle Pflichtfächer müssen bestanden werden, hinzu kommt ein Wahlfach. Aber es sei gesagt: Wenn man den Willen hat, ein für einen persönlich schwieriges Fach zu verstehen, dann schafft man das mit ausreichend Motivation Fleiß und Ausdauer auch – intellektuelle Höchstleistungen werden meinem Ermessen nach eher seltener verlangt.
  4. Will ich keinen 9-to-5 Job?
    Nach dem Studium erwarten einen zumindest als Assistenzarzt keine „normalen“ Arbeitszeiten, und auch im späteren Berufsleben ist nicht sicher damit zu rechnen. Arbeit zur Unzeit oder viele Überstunden können das Familienleben beinträchtigen und nur eine „volle“ Weiterbildungsstellung zählt auch für ein Weiterbildungsjahr (reduziert man z.B. auf 50%, so muss man für eine normal fünfjährige Weiterbildung zehn Jahre zu 50% arbeiten).

Nun viel Erfolg beim der Entscheidungsfindung!

8 Gedanken zu „Bin ich geeignet zum Medizinstudium / Arztberuf?“

  1. Danke für den Blog Eintrag! Das hat meine Fragen wirklich gut beantwortet und ich denke, Medizin zu versuchen. Kannst du mir noch weitere Adressen geben, wo ich genaue Infos zu den Studienfächerinhalten finden kann? Ich hab halt wirklich Angst vor Chemie und oft hört man ja doch, man müsse tausende Namen auswendig lernen.

    Besten Dank!
    -HD

  2. Hallo JS,

    ja, es wird viel auswendig zu lernen geben. Aber das ist mit ausreichend Fleiß schaffbar, man gewöhnt sich rasch daran.

    Wenn Du Dir in einem spezifischen Fach unsicher bist, ob Du es schaffen kannst, bestell Dir kommentierte Fragen aus vergangenen Staatsexamina und schau Dir an, ob Du Dir zutraust, das dort abgefragte Wissen zu erlernen. Sehr viel schwieriger als die Fragen in diesen Zusammenstellungen wird es nicht. Für Chemie wäre das etwa: 1. ÄP Chemie für Mediziner: Original-Prüfungsfragen mit Kommentar (ISBN 978-3131149206).

    Viel Erfolg
    Christian Gersch

  3. Hallo! Ihr Blog hat mit in vielerlei Hinsicht geholfen, die Antworten die ich für den Medizinstudium gesucht habe, zu finden! Vielen Dank!

    Eine kleine Frage habe ich dennoch, wie schaut es mit Referaten während dem Studium aus? Beim Kleingruppen oder in der Vorlesung müssen Referate abgehalten werden als Voraussetzung für den Abschluss? Oder nur Prüfungen?

    Mfg
    Sara

  4. In Vorlesungen spricht in der Regel immer nur der Dozent, außer, er lässt Fragen zu. In Seminaren werden in Kleingruppen regelmäßig Referate gehalten, Hausarbeiten sind aber fast nie anzufertigen. Jedes Seminar muss bestanden werden, das Referat ist oft der Hauptbestandteil der Leistungsbewertung. Da ich alle Referate, die ich gehalten habe, auf diesem Blog veröffentlicht habe, kann man hier einen ganz guten Einblick in den Umfang gewinnen.

  5. Sehr geehrter Herr Gersch,

    als aller erstes möchte ich sagen, dass Sie einen tollen Blog erstellt haben!
    Mit vielen Informationen und Tipps!

    Ich halte bald ein Referat über das Medizinstudium und muss darüber berichten, wie das Leben während und nach dem Medizinstudium aussieht. D.h. so viel wie: wo würden Sie die Schwerpunkte setzen oder wie lange sind Sie schon ein Arzt und sind sie zufrieden mit Ihrer Arbeit oder in welchem Bereich Sie tätig sind(ob Sie in einem Krankenhaus arbeiten oder eine eigene Praxis haben, etc.) Ist das Medizinstudium für jeden geeignet? Wie lange arbeiten Sie in der Woche, ist Ihr beruf anstrengend, etc.
    Falls man einen Patienten nicht weiterhelfen wie fühlt man sich dabei, etc.
    Sie können natürlich viel mehr berichten!:)

    Ich würde mich sehr freuen, wenn ich bald eine Rückmeldung bekommen würde.

    Mit freundlichen Grüßen
    N.Q.

  6. Hallo N.Q.,

    Danke für die netten Worte!

    Einen Großteil Deiner Fragen habe ich schon in Blogartikeln oder in den Kommentaren zu Leserfragen besprochen und möchte darauf verweisen. Für die Recherche eines
    Referats würde ich voraussetzen, zumindest meinen Blog zunächst genau zu studieren, bevor man einfach „alle“ Fragen stellt.

    Diese Frage bleibt bislang in meinem Blog unbeantwortet:

    Falls man einen Patienten nicht weiterhelfen [kann], wie fühlt man sich dabei?

    Das Gefühl in einer Situation der kurativen Hilflosigkeit wird von Arzt zu Arzt verschieden sein. Man sollte aber immer bedenken, dass es nicht nur ärztlichen Aufgabe ist, zu heilen, sondern dass auch der Stellenwert der Palliativmedizin nicht zu gering angesetzt werden darf. Es kann auch eine erfüllende Aufgabe sein, Sterbende zu begleiten, deren Leiden und Beschwerden zu lindern bzw. einen menschenwürdigen Tod zu ermöglichen – ggf. auch im Rettungsdienst.

  7. Sehr geehrter Herr Gresch,
    ich bin noch sehr jung (15/w), aber ich habe schon mein ganzes Leben lang mit dem Gedanken gespielt, Ärztin zu werden. Mein aktueller Notendurschnitt liegt bei 1,8, wobei ich sagen muss, dass ich mich nicht ganz so sehr anstrenge. Ich glaube, dass ich 1,2 – 1,4 auch schaffen könnte. Mein Interesse an Biologie, Chemie und Physik ist sehr gering, aber der Gedanke daran, dass man mit (selbst)erlernten Wissen, einem Menschen das Leben retten kann fasziniert mich schon mein ganzes Leben. Aufjedenfall will ich später Menschen helfen und mit Kindern arbeiten, aber irgendwie interessierem mich Berufe wie Erzieherin, Krankenschwester usw. nicht wirklich. Meine Noten in Bio, Chemie und Physik waren auch immer mittelmäßig bis gut, aber nie sehr gut. Glauben Sie, dass mein nicht vorhandes Interesse an (Biologie,) Chemie und Physik mich daran hindern werden, Ärztin zu werden? Denn eigentlich will ich WIRKLICH Ärztin werden, es ist mein größter Traum. Ich weiß, die Frage mag schwer zu beantworten sein, aber ich würde mich trotzdem sehr über eine Antwort freuen.

    MfG
    Grace

  8. Hallo Grace,

    in der Schule muss man nicht alle Naturwissenschaften belegen, aber für’s Studium muss man sie spätestens einmal tiefergehend lernen. Siehe dazu mein Blogpost aus 2014.

    Nur „Menschen zu helfen“ sollte allerdings nicht die alleinige Motivation für das Studium sein. Denn als Ärztin wirst Du nicht jeden heilen, nicht jedem helfen können. Manchmal kannst Du jemanden nur begleiten, und manchmal nicht einmal das. Am besten, Du machst erst einmal ein Praktikum im medizinischen Bereich und lernst ihn näher kennen.

    Viel Erfolg!

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